Glorias Geheimnis

von Christian Winkler

Funken sprühten aus ihrem Stab und gleißendes Licht schimmerte wie eine Krone über ihm und Gloria war überglücklich. Das Gefühl war so stark, dass sie hätte platzen können. Übermütig drehte sie einige Pirouetten in der Luft. Dann kehrte sie wieder auf die Ulme zurück, auf ihre Ulme, wo sie immer die Nächte verbrachte und die anderen beobachtete.

Gloria war eine Fee, eine sehr hübsche Fee, aber auch sehr eingebildet. Sie war die älteste Tochter des Feenkönigs und der Feenkönigin. Ihre Mutter war leider nach der Geburt von Glorias jüngstem Bruder gestorben. Gloria war es gewöhnt, Befehle zu geben und verwöhnt zu werden. Sie trug ein blaues Samtkleid mit wunderschönen Verzierungen aus blauer Spitze. Sie hatte langes blondes Haar, und da sie eine Fee war zwei große Flügel, wie die eines Schmetterlings. Daran konnte man auch erkennen, dass sie dem Königsgeschlecht angehörte. Nur Mitglieder der Königsfamilie hatten Schmetterlingsflügel.

Bereits in der Feenschule piesackte sie ihre Mitschüler. Gloria wollte überall die erste und beste sein und kommandierte ihre Freundinnen und Freunde herum. Sie mussten ihre Hausaufgaben machen, wenn sie mal keine Lust hatte oder ihr den besten Nektar von der schönsten Blume holen. Sonst würde sie ihrem Vater davon erzählen, und der würde die anderen Feenkinder dann aus seinem Königreich verbannen.

So bekam Gloria immer, was sie wollte. Nur wenn es um das Zaubern ging, das alle Feenmädchen lernten, war sie mucksmäuschenstill oder stand beleidigt in einer Ecke. Sie brachte immer neue Ausreden, wieso sie nicht zaubern wollte. Einmal hatte sie ihren Feenstab vergessen, dann wollte sie lieber beim Bogenschießen der Feenjungen mitmachen, die ohnehin nicht zaubern konnten oder sie sagte die Zaubersprüche rückwärts auf, weil sie so angeblich besser klangen. Fiel ihr gar nichts anderes mehr ein, behauptete sie, ihr Vater habe ihr verboten, zu zaubern.

Kurz gesagt hatte sie keiner ihrer Mitschüler je zaubern gesehen. Aber es dachte sich niemand etwas dabei. Alle schoben ihr komisches Verhalten auf ihre Launen. Schließlich hatte Gloria auch wie die anderen die große Zaubereiabschlussprüfung bestanden. Was die anderen aber nicht wussten, war, dass sie diese Prüfung nur mit der Hilfe ihres Vaters bestanden hatte. Glorias großes Geheimnis war nämlich, dass sie nicht zaubern konnte. Nicht einen kleinen Funken brachte sie aus ihrem Zauberstab. Das musste ihr Vater natürlich geheim halten. Ein König durfte keine Tochter haben, die nicht zaubern konnte. Er machte mit dem Prüfungskomitee aus, dass er selbst die Prüfung abnehmen würde. So konnte er seine Tochter mit 1,0 bestehen lassen, ohne dass jemand von dem schrecklichen Geheimnis erfuhr.

Glorias Vater suchte fieberhaft nach Hilfe für seine Tochter, denn sie sollte mal nach seinem Tod in dem Feenreich herrschen. Eine Feenkönigin ohne Zauberkraft wäre einfach undenkbar. Aber es halfen keine Kräuterwickel der erfahrensten Kräuterfeen, keine Badekuren in Drachenblut oder diverse Cocktails aus Spinnenkot und Fledermausspeichel. Aber der König gab natürlich nicht auf und versuchte es weiter mit neuen, noch schrecklicheren Methoden.

Glorias Leben wurde dadurch immer einsamer. Die Sitzungen wurden immer häufiger, und sie traute sie sich natürlich nicht, ausgelassen mit Gleichaltrigen in den Wäldern herumzutoben, um das zu tun, was Feen am liebsten machen, die Freiheit genießen. Zaubern war hierbei zwar nicht das wichtigste, aber es gehörte einfach dazu. Wenn man sich zum Beispiel mal vor lauter Ausgelassenheit im dunklen Wald verirrt hatte, konnte man einfach ein paar Funken in die Luft sprühen und schon kamen die Freunde zur Hilfe.

Gloria schaute sich dieses Treiben meist aus der Entfernung an. Sie setzte sich in ihre Ulme, beobachtete die Sterne und mit einem Auge die anderen Feen. Verirrte sich doch einmal eine Fee zu ihr, musste sie gleich ihre Flügel reinigen oder andere Aufgaben erledigen, wie Wind zufächern in heißen Sommernächten oder Milch bringen von ihrer Lieblingskuh Annabell. Natürlich kamen auch Feenjünglinge vorbei, die um ihre Hand anhalten wollten, denn Gloria war eine hübsche Fee und die Tochter des Königs. Ihre Zurückgezogenheit machte sie nur noch interessanter. Aber sie scheuchte die Jünglinge immer gleich weg oder gab ihnen unlösbare Aufgaben wie einen Stein vom Mond zu holen.

Nur einen fand sie interessant. Er war etwas kleiner, trug einen grasgrünen Anzug, eine rote Mütze, hatte silberne Flügel und wunderschöne Augen. Er hatte immer Pfeil und Bogen dabei und einen Köcher mit genügend Pfeilen auf dem Rücken. Mit ihm unterhielt sie sich öfters und sie wusste sogar seinen Namen. Er hieß Raul. Gloria ließ sich von ihm kleine Geschenke bringen. Raul durfte sich auf ihre Ulme setzen und er erzählte ihr von seinen Reisen in ferne Länder und Gloria von ihrem Leben als Prinzessin.

Eines Tages sahen sie einen wunderschönen Schmetterling vorbeifliegen. Sie beobachteten, wie er um sie herumschwirrte. Raul wollte ihn für Gloria fangen, da rutschte er fast von dem dünnen Ast und dabei fiel sein Köcher herunter. Der Schmetterling war verschwunden. Als Raul seinen Köcher holen wollte, sah er, dass eine dicke fette Spinne sie beobachtete, der schon der Speichel aus dem Mund tropfte. Er schrie: „Schnell, Gloria, zaubere meinen Köcher nach oben, da bedroht uns eine hungrige Spinne!“ Gloria versuchte ihr bestes zu geben, aber sie schaffte es nicht. Vor lauter Anstrengung hatte sie einen puterroten Kopf und eine Träne lief ihr über die Wange. Raul erkannte ihr Geheimnis. Die Spinne hatte sich schon verzogen, weil sie etwas besseres gesehen hatte. Raul wollte Gloria trösten. Sie machte sich aber aus dem Staub und er konnte ihr nur noch hinterher schreien: „Du musst an uns glauben!“

Gloria packte nun der Ehrgeiz. Sie hatte wieder Lust, zaubern zu lernen und schlug in ihren alten Schulbüchern nach. Wenn sie wusste, dass sie alleine war, versuchte sie, sich ganz stark zu konzentrieren, dass Funken aus ihrem Stab sprühten, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Je länger sie übte, umso mehr verging ihr die Lust.

Sie wollte es aber Raul beweisen, dass sie eine richtige Fee war. Sie stellte sich vor, wie schön es wäre, mit Raul gemeinsam durch den Wald zu fliegen und Sternschnuppen zu fangen. Da merkte sie, wie ihr Feenstab zuckte und ein kleiner Funke heraussprang. Gloria stellte sich weiter vor, kleine Feenkinder zu haben und ihnen die am besten schmeckenden Blüten zu zeigen. Plötzlich sprühten Funken aus ihrem Stab und gleißendes Licht schimmerte wie eine Krone über ihr. Nach ihren Jubeltänzen war ihr klar, was sie falsch gemacht hatte. Sie hatte sich einfach zu sehr versteift und so rational gedacht wie ihr Vater.

Beim Zaubern musste man entspannt sein und an seine Träume denken. Ihre Mutter hätte ihr das bestimmt sagen können. Sie versuchte es gleich noch mal und das Schauspiel war noch viel beeindruckender. Endlich war sie eine richtige Fee! Sogleich schrieb Gloria mit Feenstaub in die Luft: „Raul, ich bin hier! Gloria.“