Der kleine schwarze Kater

Text und Idee: Daniela Schiebel

Zeichnungen: Daniela Schiebel, Christian Winkler

Es war einmal ein kleiner schwarzer Kater. Er lebte mit seiner Mutter und seinen Geschwistern bei einer Menschenfamilie. Der kleine schwarze Kater war viel kleiner als seine Geschwister und sah gar nicht aus wie eine Katze, sondern eher wie ein winziges Fellknäuel mit riesigen Augen und Ohren und einem kleinen Schwänzchen.

k01.jpg (27760 Byte)
Seine Brüder und Schwestern balgten sich und spielten Fangen. Um ihren winzigen Bruder kümmerten sie sich kaum. Der kleine schwarze Kater fand die Spiele der Geschwister viel zu wild und versteckte sich lieber hinter einem Regal. Der Spalt zwischen Regal und Wand war so eng, dass nur der kleine schwarze Kater hindurch passte. Hier hatte er seine Ruhe. k02.jpg (19062 Byte)
Wenn er so hinter dem Regal in seinem Versteck saß und träumte, fragte sich der kleine schwarze Kater manchmal, was wohl aus ihm werden würde, was sein Platz in der Welt sein sollte. Er wäre gern groß und mutig gewesen. Dann hätte er viele Mäuse fangen und ein berühmter Jäger werden können. k03.jpg (18328 Byte)
Die Geschwister des kleinen schwarzen Katers wuchsen schnell und übten stundenlang das Anschleichen und Jagen. Sie wurden kräftig und flink. Die Mutter musste sie immer häufiger zurecht weisen, wenn sie in ihrem Übermut vor lauter Jagdeifer ins Fell der Mutter bissen. Weil die Kleinen auch beim Trinken bei der Mutter wild waren, und diese keine Lust hatte, sich beißen zu lassen, ließ sie die Kinder immer seltener bei sich trinken. Sie sah, dass sich die Kleinen bereits für festes Katzenfutter interessierten und stieß sie zum Futternapf, um dort zu fressen. k04.jpg (21040 Byte)
Nur der kleine schwarze Kater durfte nach wie vor bei seiner Mutter trinken. Er liebte den Schutz ihres warmen Körpers und die herrliche Milch, die er von ihr bekam. k05.jpg (26430 Byte)
Von den Geschwistern bekam der kleine schwarze Kater nun allerdings immer öfter Bisse und Pfotenhiebe zu spüren. Er verbrachte daher die meiste Zeit in seinem Versteck hinter dem Regal und hatte viel Zeit, nachzudenken. k06.jpg (13447 Byte)
Manchmal beobachtete der kleine schwarze Kater einen seiner Brüder und Schwestern dabei, wie sie Fliegen jagten. Sie maunzten, pirschten sich an, sprangen hoch - und manchmal erwischten sie eine Fliege. Der kleine schwarze Kater fürchtete sich vor dem Surren der Fliegen und wollte lieber nicht zu nah an diese seltsamen Tiere herankommen. „Wenn ich doch nur mutiger wäre!“, dachte der kleine Kater. „Dann könnte ich hinaus in die Welt gehen und meine Aufgabe finden.“ Doch wie sollte so ein kleiner Kater es anstellen, mutig zu werden? k07.jpg (16096 Byte)

Er ging zu seiner Mutter und fragte sie: „Wie kann ich wissen, was meine Aufgabe sein wird, wenn ich groß bin? Wie kann ich groß werden?“

Die Mutter antwortete: „Meine Kinder haben sich bisher immer ihren Platz erobert. Schau deine Geschwister an: Sie wachsen ganz von selbst, sie toben und spielen und finden immer wieder etwas neues, das sie interessiert. “

„Ich bin aber nicht mutig und stark genug.“, sagte der kleine schwarze Kater traurig und trottete davon. Hinter dem Regal kuschelte er sich zu einem kleinen schwarzen Knäuel zusammen und döste. Irgendwann schlief er tief und träumte.

k08.jpg (18583 Byte)
Aus dem kleinen schwarzen Kater war ein großer Kater mit kräftigen Muskeln, scharfen Krallen und Zähnen und seidig glänzendem Fell geworden. Er trabte auf seinem Weg dahin und wurde von allen, die ihm begegneten respektvoll begrüßt. Ein Fuchs, den er unterwegs traf, blieb dem schwarzen Kater besonders im Gedächtnis, da er ihm sonderbar vertraut vorkam. k09.jpg (19640 Byte)

Als der kleine schwarze Kater erwachte, fühlte er sich noch immer so mutig wie in seinem Traum. Und noch etwas: unglaublich hungrig! Er folgte seiner feinen Katzennase und gelangte zum Fressnapf. Schnell sah er sich um, ob seine Geschwister vielleicht ebenfalls kämen, doch sie steckten in einer wilden Verfolgungsjagd quer durch das Haus der Menschenfamilie.

Der kleine schwarze Kater roch vorsichtig an dem Katzenfutter in der Schüssel. Er bekam gleich noch viel mehr Hunger und ohne noch weiter nachzudenken futterte er aus dem Fressnapf, bis er nicht mehr konnte. Anschließend fühlte er sich unheimlich satt und zufrieden und legte sich auf das unterste Regalbrett, wo er anfing zu schnurren. Das hatte er bisher noch nie gewagt und war sehr stolz auf sich!

k10.jpg (19636 Byte)

Von nun an wurde der kleine schwarze Kater von Tag zu Tag mutiger. Er lernte, mit hoch erhobenem Kopf durch das Haus zu stolzieren, nicht nur vor Angst, sondern als Warnung zu fauchen, Fliegen zu fangen (und das sogar besser als die meisten seiner Geschwister), sich anzuschleichen und zuzubeißen, laut zu maunzen, Papierkugeln nachzujagen und auf die Möbel der Menschenfamilie zu springen. Immer höher wagte er sich auf das Regal hinauf und eines Tages war sein Lieblingsplatz ganz oben auf dem Regal.

Nach nicht einmal einem halben Jahr war aus der winzigen Fellkugel ein wunderschöner, geschmeidiger Kater geworden, der alle mit seinen akrobatischen Sprüngen beeindruckte.

k11.jpg (21395 Byte)

Eines Tages war der schwarze Kater so mutig geworden, dass er beschloss, hinaus in die Welt zu gehen. Er wollte dort seine Aufgabe finden.

Früh am Morgen verabschiedete er sich von seiner Mutter und den Geschwistern. Dann machte er sich auf den Weg.

Er lief Straßen und Wege entlang, kletterte über Zäune und Mauern und schlich sich durch Büsche und Wälder. Lange Zeit trabte er endlos scheinende Feldwege entlang. Zum Glück gab es hier viele unvorsichtige Feldmäuse, die nur an die reiche Ernte auf den Feldern und nicht an hungrige Katzen dachten.

k12.jpg (33132 Byte)

In einem besonders stillen Waldstück hörte der schwarze  entdeckte einen jungen Fuchs, der in eine Falle geraten war. Er schien unverletzt zu sein, konnte sich jedoch nicht befreien. Der Kater überlegte, was zu tun sei und beschloss, um Hilfe zu rufen. Durchdringend schallten die Katzenschreie durch den Wald.

Da wurde der Fuchs ärgerlich. „Willst du denn den Jäger mit seinem Hund herlocken?“

Der schwarze Kater erschrak. „Nein! Aber was soll ich denn tun?“, fragte er.

Der Fuchs sagte leise: „Beiß das große Seil direkt vor dem Gitter durch. Dann klappt der Käfig zurück und ich bin frei.“

Der schwarze Kater musste lange an dem Seil kauen. Wie gern hätte er Nagezähne wie ein Biber gehabt! Irgendwann machte es ein schnalzendes Geräusch und das Seil war ab. Nun konnte der Fuchs unter dem Gitter des Käfigs hervorkriechen und war frei.

k23.jpg (15858 Byte)

„Ich danke dir sehr, schwarzer Kater“, sagte der Fuchs. „Komm doch mit zu mir nach Hause. Ich möchte dir meine Familie vorstellen.“

Der Kater begleitete den Fuchs in seinen Bau und lernte dort die Frau des Fuchses und seine drei Kinder kennen. Schnell schlossen alle miteinander Freundschaft. Der Kater blieb einige Zeit bei der Fuchsfamilie und genoss besonders das Spiel mit den lustigen Fuchsjungen.

k13.jpg (16025 Byte)

Nach einiger Zeit wurde der Kater wieder unruhig und wusste, dass es Zeit war, seinen Weg fortzusetzen.

Als er den Wald hinter sich gelassen hatte, sah er auf einer Wiese ein großes buntes Zelt. Neugierig schlich er heran und wunderte sich über all die Gerüche und Geräusche. Ein Geräusch ließ ihn jedoch stutzen.

k14.jpg (25719 Byte)

Er folgte dem Klang und saß schließlich vor einem Käfig, in dem ein kleiner verzweifelter Fuchs gefangen war und weinte.

 

Der schwarze Kater setzte sich hinter den Käfig und fing an zu schreien, so laut er nur konnte. Es dauerte gar nicht lang, bis ein kleines Mädchen mit einem glitzernden Kostüm kam und erstaunt den kleinen Fuchs ansah. „Du schreist wie eine Katze!“, rief sie dem Fuchs zu. „Bist du vielleicht gar kein Fuchs, wie mein Papa behauptet?“ Sie öffnete den Käfig um sich den Fuchs genauer anzusehen. In dem Moment sprang ihr der schwarze Kater direkt vor die Füße. Das Mädchen erschrak und konnte die Käfigtür gar nicht so schnell wieder verschließen, wie der schwarze Kater den kleinen Fuchs am Genick gepackt und davongetragen hatte.

k15.jpg (26690 Byte)

Wie eine Katzenmutter ihr Junges trug der schwarze Kater den kleinen Fuchs, bis sie wieder im Wald und damit in Sicherheit waren.

Von nun an blieb der kleine Fuchs beim schwarzen Kater. Der lernte ihm, wo es fette Larven und Würmer gab, wie man eine Waldmaus belauerte und sich vor den Gefahren des Waldes in Acht nahm.

k16.jpg (25116 Byte)

Der Kater steuerte nun direkt den Bau der Fuchsfamilie an, wo er den kleinen Fuchs vorstellte. Die Familie erklärte sich sofort bereit, den kleinen Fuchs aufzunehmen, doch der wollte lieber beim Kater bleiben.

Richtig begeistert war der Kater davon nicht, doch er willigte ein, dass der Fuchs ihn begleiten durfte. Vielleicht war es seine Aufgabe, Füchse zu retten, überlegte er sich.

k17.jpg (23532 Byte)
Der kleine Fuchs wurde größer und schlauer und stärker und konnte dem Kater in manch verzwickter Situation weiter helfen. So gelang es den beiden zum Beispiel, den gefährlich bissigen Hofhund des Bauern Walter auszutricksen und sich aus der Vorratskammer einen leckeren Schinken zu holen. k18.jpg (27124 Byte)
Irgendwann jedoch packte den schwarzen Kater eine schreckliche Sehnsucht nach seinem alten Zuhause. Er erklärte dem Fuchs, dass er zurückkehren wolle. Der Fuchs war zuerst traurig. Er hatte das freie Leben mit dem Kater lieb gewonnen. Dann aber erklärte er: „Ich komme einfach mit!“ k19.jpg (23786 Byte)

Die Familie staunte nicht schlecht, als da der verschwunden geglaubte schwarze Kater zurückkehrte. Noch dazu mit einem kleinen, zahmen Fuchs im Schlepptau! Der kleine Fuchs und der Kater mussten ein Bad zur Entfernung von Geruch und Ungeziefer über sich ergehen lassen. Doch dann wurden sie mit einer leckeren Mahlzeit aus dem Futternapf in den Kreis der Familie aufgenommen.

Beide wurden von den Menschen ausgiebig gekrault und gestreichelt und von den Katzen zu ihren Erlebnissen befragt.

Bald waren sie weit über den Ort hinaus bekannt als „der schwarze Kater und der Fuchs“.

k20.jpg (20053 Byte)
Die beiden erlebten zahlreiche Abenteuer zusammen. Doch das ist eine andere Geschichte.

k21.jpg (13501 Byte)

k22.jpg (16709 Byte)