Was heißt hier eigentlich Sozpäd ???

Gleich zu Beginn des Studiums erwartet den Erstsemestler ein Identitätsproblem. Wer bin ich? Nicht nur, dass er im Freundeskreis zu hören bekommt: „Was??? Du studierst Sozialpädagogik? Und das bei deinen guten Noten?“ - nein, er darf sich dessen noch nicht einmal so sicher sein. Klar, er möchte irgendwann mal Diplom-Sozialpädagoge heißen. Aber dazu muss er erst mal Soziale Arbeit studieren und zwar am Fachbereich Sozialwesen. Alles klar?? Die Vorstellung von einem „sozialen Wesen“ wird schnell durch die Realität ersetzt. Der Fachbereich macht jedenfalls nicht den Eindruck, als ob es um eine gemeinsame Sache (z.B. die Ausbildung der Studierenden) ginge...

So kommt es, dass schnell und dankbar zur allgemein gängigen Abkürzung des Sozpäd gegriffen wird. Schon verringert sich die Zeit  in der man sich (während des Aussprechens nämlich) mit seiner Berufs- (oder Ausbildungs-)identität auseinandersetzen muss.

Wie gut, dass es die Vorlesung zur „Studienmotivation und Berufskarriere“ gibt. Da erfahren Erstsemestler dann, welche Anforderungen sie so erwarten. Am einprägsamsten für mich ist nach wie vor die Frustrationstoleranz (wenn ich keinen Kurs für AG-Methoden im unausgelasteten 6. Semester bekomme und ihn daher im 7. nachholen darf – wenn ich mich in die FH quäle trotz Bauchschmerzen und schlechtem Wetter, nur um an der Tür meines Seminarraumes die Notiz zu finden, dass das Seminar kurzfristig ausfallen musste,...) sowie die Ambiguitätstoleranz. Wir müssen nicht nur widersprüchliche Erwartungen von Geldgebern, Mitarbeitern, Klienten und unsere eigenen Vorstellungen aushalten, sondern auch die von Dozenten, Kommilitonen, ...

Erklärt uns Fr. Dr. XX, wie der Klient zu „knacken“ sei, lernen wir bei Herrn Prof. Dr. XY über die unverzichtbare Wertschätzung unserer Klienten in der Beratung.

Nun, wenn es so nicht funktioniert, dann vielleicht im Ausschlussverfahren?? Wer bin ich NICHT? Nun, der Blick muss nicht weit gehen, denn im angrenzenden Gebäude, auf dem Weg in die Cafete oder Mensa treffen wir auf den BWLer im gemeinen und im besonderen. Da haben wir unsere Anti-Identität!! Hurra! Nun weiß ich, dass ich ein Nicht-BWLer bin. Daraus folgt: Ich tausche meine Ledertasche gegen einen Stoffbeutel aus dem Supermarkt, suche meine abgewetzten Lieblingsturnschuhe hervor, beschließe, mich niemals in ein Kostüm stecken zu lassen und habe – ein wenig Identität gewonnen.

Die Touristikstudenten erscheinen zu vielfältig, deshalb setze ich mich lieber nicht näher mit ihnen auseinander. Einige tragen ganz ähnlich bunte Haarpracht wie meine Kommilitonen auf der Sozpäd-Seite. Da sie aber im neueren Blockbau ihren Vorlesungen lauschen, stecke ich sie lieber mal in die Schublade gleich neben der mit den Betriebswirtschaftlern.

Nun folgt der zweite Schritt der Abgrenzung gegenüber den eifrigen Nachbarstudenten: Die Verbannung jeglicher ehrgeiziger Anspannung, so dass schließlich „alles easy“ das Denken beherrrscht.

Aber Was will ich?

Diese Frage stellt sich seit der Wahl des Studienganges ständig. Welchen Dozenten wähle ich bei den Gruppenmethoden? Schreibe ich die Prüfung im Jugendstrafrecht im ersten Semester? Will ich mich auf einen Bereich der Sozialen Arbeit konzentrieren, oder Erfahrungen mit vielen verschiedenen Feldern machen? Will ich Theorien kennen lernen oder suche ich Kurse mit möglichst viel Selbsterfahrung? Lasse ich mir nun von Soziologen die Folgen von Armut beschreiben, von Psychologen, von Medizinern? Letztendlich soll ich ja ohnehin das Problem aus verschiedenen Perspektiven beleuchten können.

Denn der Sozialpädagoge möchte doch bitte über Kenntnisse der Psychologie, der Pädagogik, der Soziologie und der Medizin ganz selbstverständlich verfügen, ein halber bis dreiviertel Jurist sein, den PC aus dem ff beherrschen, Betriebs- und Volkswirtschaftslehre als Hobby betreiben und ganz nebenbei ein guter und edler Mensch sein.

An dieser Stelle wird nicht nur deutlich, dass es mit der Anti-Identität des Nicht-BWLers nicht so weit her ist, sondern vor allem, dass kein Mensch diese Ansprüche wirklich erfüllen kann. Da die Hälfte dann wohl doch nur stümperhaft beherrscht wird (Motto: Breites Lernfeld bieten, aber nichts vertiefen) wundere man sich nicht über das evtl. weniger positiv ausfallende Image unserer „fertigen“ Kollegen. Böse (?) Zungen sprechen vom „Allround-Dilettantismus“ in unserer Branche.

Wohl deshalb dürfen „fertige“ Sozpäds auch ihren (beruflichen) Nachwuchs nicht selbst ausbilden, sondern müssen darauf warten, welche Prägung Sozio-, & Psycho-Logen, Pädagogen und Mediziner bei den Menschen hinterlassen, mit denen sie zusammenarbeiten werden.

Wozu braucht’s denn nun eigentlich den Sozpäd? Wäre die Arbeit eines interdisziplinären Teams ohne Sozpäds nicht besser? Oder werden die „billigeren“ und weniger „schlagfertigen“ Sozpäds dringend gebraucht? Halten sie etwa die ganzen Fachmenschen zusammen und am (hoffentlich) Interesse, Menschen zu helfen? Auf derart umfassende  Fragen kann in diesem Kontext nicht näher eingegangen werden, aber lesen Sie doch meine Publikationen: „Gesellschaft ohne Sozpäds. – Vision oder Utopie?“ und „Warum studiert Wer Was und mit welchen gesamtgesellschaftlichen Folgen?“

Was wird uns sonst noch vermittelt?

Wir sollen gesellschaftliche Mängel erkennen, uns von öffentlichen Trägern anstellen lassen, die Interessen unserer AdressatInnen vertreten und gleichzeitig das System dadurch unterstützen, dass wir scheiternde Individuen re-integrieren und damit wieder nutzbar zu machen, während das Scheitern ja nun sichtbar mit den herrschenden Bedingungen zusammenhängt.

Als „besonderen Lebensabschnitt“ werten viele Sozpäds ihr Praktikum. Fällt aufmerksamen Studenten schon im Grundstudium auf, wie aus den älteren Semestern im Laufe eines Jahres, das sie vorwiegend außerhalb der Vorlesungssäle verbringen, „Wilde“ werden (Männer kehren Langhaarig und –bärtig zurück, Frauen kurzgeschoren, zerzaust oder zerknuddelt), macht der Großteil der Sozpädstudenten dann selbst einschlägige Erfahrungen. Plötzlich bekommen so einige Lerninhalte Sinn, während andere, die wir für so toll hielten auf einmal als völlig utopisch und unrealistisch erscheinen.

Wen wundert’s, wenn im 7. Semester die „abgeklärten“ Studenten aus der Vorlesung in die Cafete flüchten, weil sie die Lernergebnisse im Gespräch mit anderen frustrierten KommilitonInnen höher einschätzen als die aus dem Dozentenmonolog.

Zu dem Lehrkörper der Fachhochschule gibt es so einiges zu sagen, wobei das meiste wohl besser verschwiegen werden sollte. Glücklicherweise bekommt es jeder Student ja nur mit einer (von ihm) erlesenen Auswahl zu tun, was in meinem Falle dann zu dieser Auflistung führt:

Alt, Baumann, Bausinger, Beck, Buttner, Cramer, Dotzler, Enders, Engelhardt, Elsen, Fröhlich, Gaertner, Hahn-Ritzkat, Heekerens, Hill, Klein, Ligl, Mrozynski, NBF, Sandmann, Schaipp, Schleicher, Rech, Zoeke [...]

Besonders beliebt sind bei einer wachsenden Zahl von Studierenden Dozenten, die ermutigend auf ihre Schäfchen einwirken. Zitat: „Kann ich es ihnen wirklich zumuten, diesen Text von 6 ¾ Seiten zu lesen? – Ich möchte sie nicht überfordern.“

Ähnliches gilt für die Vermittlung der Vorstellung einer bodenlos schlechten Stellung des Sozialpädagogen im Berufsleben. Ob’s auch daran liegt, dass der Sozpäd. seine gesamte Ausbildungszeit über ein so überragendes Selbstbewußtsein bezüglich seiner beruflichen Rolle vermittelt bekommt? Hier stellt sich das Problem der Interpunktion von Ereignisfolgen. (vgl. 3. Axiom Watzlawicks)

Zitate E.:

„Es muss nicht unbedingt falsch sein, was Sie sagen.“ GTWN, 17.4.2000

„Nee, das muss ich mir noch überlegen, ob ich die Folien für alle abziehe. Da steckt ’ne Menge Hirnschmalz drin.“

 Aber die lieben DozentInnen sorgen auch immer wieder ungewollt für heitere Ausgelassenheit unter den Studierenden...

Beck (die den Wokus gerne auf ihre Anektoten setzt):

„In solchen Situationen, wo mir das Blut in Wallung geriet und die Galle hochkam, habe ich auch schon mal lautstärker metakommuniziert.“ 11.01.01

NBF:

„Wir hatten doch da diesen Waschzwang“ SKU, 2.11.2000

„Da können sie dann sehen, ob Sie sexsüchtig sind.“ SKU, 2.11.2000

„Nichts ist im Gehirn einfach so.“ SKU, 2.11.2000

NBF kommt während der MEHV Veranstaltung (Beck) herein und holt ihr vergessenes Lackjäckchen. Daraufhin Beck: „Dass du dich hier nicht auch mal vergisst!“ Nachdem ihr wohl die Zweideutigkeit bewusst wurde: “Na, heute morgen nannte sie mich schon geliebte Kollegin.“ Resultat: allseitiges Gelächter.

E.: Nö, ne?“ „Ich habe mal eben eine kurze Störung. Bin gleich wieder da.“

Da es aber nun einseitig wäre, nur über DozentInnen herzuziehen, sollen auch die lieben KommilitonInnen nicht ungeschoren davonkommen.

Grob kann unterschieden werden zwischen:

Der Durchschnittsstudentin

Weiblich, 25 Jahre alt, um dem Klischee gerecht zu werden (das soo realitätsfern nun auch wieder nicht ist): mit rotgefärbten Haaren, Jeans oder Rock, Turnschuhen (nicht zwingend: Birkenstöcke), Pullover (der dann aber schon möglichst selbstgestrickt sein sollte), Neigung zum Ökologisch-Alternativen, Vegetariertum weit verbreitet, ebenso wie Partner aus anderen Kulturkreisen, ... weitere Ausführungen möglich...

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Den „alten Mamas“

Spätstudierende, die glauben, die Weisheit für sich gepachtet haben, bei jeder Gelegenheit Beispiele aus ihrem Leben (bzw. dem ihrer Kinder) parat haben und eifrig mit den Dozenten diskutieren. Sie machen auf den Beobachtenden oft einen ehrgeizigen, fleißigen und mitunter gestressten Eindruck.

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Den „jungen Mamas“

Kommen mit dem Nachwuchs in die Vorlesungen, was sich durch die entwicklungsbedingte Neigung der Säuglinge zu lautstarker Bedürfnisäußerung kaum verbergen lässt. Die jungen Mamas sitzen oft mit selbstvergessenem Ausdruck da, was nun entweder auf Mutterstolz oder auf durchwachte Nächte mit Babygeschrei zurückgeführt werden kann.

Dozenten und Kommilitonen reagieren auf spontane Äußerungen der neuen Generation entweder leicht genervt, mit spontanen Mutter- bzw. Vaterinstinkten oder zufrieden über die lebensnahen Ausführungen des jungen Menschen als Alternative zu trockenen Vorlesungen.

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Den Männern

Erstaunlich ist es schon: Obwohl im FB 11 ca. 80 % Frauen studieren, gibt es eine Frauenbeauftragte. Für die 20 % Männer gibt es hingegen keinen Männerbeauftragten, der sich für Chancengleichheit, Gleichbehandlung und Emanzipation des Mannes einsetzt. So bleibt den Männern nur der Weg, sich informell zusammenzuschließen, um sich vor der weiblichen Übermacht zu schützen. Spätestens im Hauptstudium haben sie sich ohnehin emanzipiert und sind sich ihrer Macht sicher. Das zeigt sich z.B. darin, dass der männliche Studierende sich durchschnittlich nur jedes 4-5 Mal zu Wort meldet, bevor er einen Gesprächsbeitrag leistet, aber genau doppelt so oft einem anderen das Wort abschneidet.

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Den Pärchen

Ihnen kann auch die unattraktivste Vorlesung nicht die Laune verderben. Schließlich haben sie ja sich, um sich aneinander zu kuscheln und der Welt zu „entfliehen“. Probleme ergeben sich bei Beziehungskrisen und Trennungen, wenn trotzdem die Studienarbeit gemeinsam verfasst oder ein Seminar zusammen besucht werden muss.

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Den „jungen Hüpfern“

Sie sind zwischen 19 und 24 Jahren alt, lassen sich meist von den Eltern „durchfüttern“ und werden von den älteren Studierenden oftmals als „Kinder“ betrachtet. Diesem Bild werden sie durch unvermittelte Albernheitsausbrüche in Vorlesungen, Mensa, Cafete und Bibliothek gerecht. Es sollen sogar schon Wasserschlachten in den Toilettenräumen des ehrwürdigen FH-Gebäudes beobachtet worden sein. Vielleicht sollte die Einrichtung eines Spielplatzes im Innenhof überlegt werden.

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Den Hundebesitzern

Zum tieferen Hintergrund des Wunsches nach der Nähe zu einem Raubtier gibt es verschiedene Thesen.
1. Schutz vor Mitmenschen
Sei es nun der bissige Dozent oder der aufdringliche Kommilitone. Ein knurrender Hund an der Seite hilft, die nötige Distanz zu wahren.
2. Nähe zu Mitmenschen
Kaum jemand kann einem süßen Strolch wiederstehen, der schwanzwedelnd durch den Vorlesungssaal wetzt, um alle Anwesenden zu begrüßen. Das schafft schnell Kontakte zu den Mitstudierenden.
3. Bezug zur Natur und Realität
Durch die Verpflichtung, in jeder Pause eine Runde mit dem Hund durch den Stadtpark zu laufen, entkommt man der Vermiefung in FH-Räumen und der einseitigen Orientierung auf theoretische Wissensvermittlung.

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Geistesblitze geliebter KommilitonInnen:

Sabine: „Ich fühle mich wie ein Schluck Kaffee auf dem Fußboden.“

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Iris: „Ich denke, wenn es schwierig wird, wird es schwierig.“

Daniela Schiebel, Oktober 1999