Elfenzauber
oder: Das Stockholm-Syndrom

von Daniela Schiebel

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte auf einem Berg im oberbayrischen Voralpenland ein liebliches Wesen. Seine Flügel schimmerten blau-violett im Sonnenlicht

und sein blondes Haar flatterte im Wind. Es war nur knapp eine Menschenhand groß und sehr zart gebaut. Doch aus den meerblauen Augen funkelte es, wie es nur aus den Augen einer Elfe funkeln kann. Ihr Name war Tilly Blaurock. Sie liebte es, ihre Tage mit Tanz und Gesang und dem Lecken von Tau und Honig zu verbringen. Mit besonderer Hingabe schleckte sie Milch, wenn es ihr gelang, ein wenig davon zu bekommen. Nicht alle Kühe schätzen es, Elfen zu säugen.

Tilly fürchtete sich vor nichts und niemandem, und wenn doch einmal etwas gegen ihren Willen geschah, half ihr der Elfenzauber. Nichts war Tilly so wertvoll wie ihre Freiheit und sie verbrachte Stunden damit, ihren Berg zu umfliegen, Bäume, Blumen und Tiere zu besuchen und sich auf Blättern zu sonnen.

Eines Tages zog eine Gruppe düsterer Gestalten durch die Gegend. Sie raubten, was ihnen unter die Finger kam. Gierig griffen sie mit ihren dreckigen Händen nach ihrer Beute. So geschah es, dass sie auch zu der Lichtung kamen, wo Tilly gerade auf einem Löwenzahnblatt lag und sich eine Melodie ausdachte. Dabei summte die Elfe versonnen vor sich hin und bemerkte nicht, in welcher Gefahr sie schwebte.

Eine der räuberischen Gestalten war ein bärtiger, grober Kerl mit zottigen Haaren und einer tiefen Brummstimme. Er rief den anderen zu: „Hört ihr das? Was kann das sein?“

Als Tilly die Stimme hörte, durchfuhr sie ein kalter Schauer und sie erstarrte. Das wurde ihr zum Verhängnis. Der ungepflegte Geselle hatte Tilly entdeckt! Er tat einen schnellen, stapfenden Schritt, griff mit seiner großen, behaarten Hand zu und packte die zarte Elfe. Bevor Tilly begriff, was geschah, fühlte sie schon, wie sich etwas warmes, raues um ihren Körper schloss und ihr beinahe die Luft nahm.

Der Mann drehte seine Hand, um zu betrachten, was er da gefangen hatte und Tilly blickte in zwei riesige Augen. Grob wurde Tilly in einen Beutel gesteckt. Es war finster um sie herum, roch muffig und - fing an zu schaukeln und zu wackeln. Tilly gab sich große Mühe, nicht in Panik zu geraten, doch es fiel ihr trotz des Elfenfrohgemüts schwer.

Irgendwann endete das Schaukeln und Schütteln und kurz darauf fiel Licht in den Beutel. Nachdem sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, erkannte Tilly Höhlenwände im Fackelschein. Doch dann wurde sie aus dem Beutel gerissen und in einen hölzernen Käfig gesperrt. Der Käfig befand sich allen Anscheins nach in der Höhle des Räubers, der sie gefangen hatte. Von den anderen war jedenfalls nichts mehr zu sehen.

Traurig hockte Tilly sich in eine Ecke des Käfigs. Weil sie sich so klein und schutzlos fühlte, kauerte sie sich zusammen, schloss die Augen und wünschte sich zurück nach Hause. Doch Elfenzauber wirkt nur in Freiheit. Wenn Elfenherzen eng und kalt werden vor Schmerz - und das passiert, wenn man ihnen die Freiheit nimmt, vermögen sie nicht mehr Zauber zu vollbringen als ein gewöhnlicher Waldzwerg. Zwerge interessieren sich nur für Gold und Schätze und haben es daher nie sehr weit in der Zauberkunst gebracht.

Irgendwann schlief Tilly trotz allen Trübsals und Unwohlbehagens ein. Doch ihr Schlaf war nicht sehr tief und sie wachte von einem Geräusch auf, kaum dass sie eine halbe Stunde geschlafen hatte. Sie sah sich um, lauschte, und hörte wieder das Geräusch. Es klang wie ein Klirren. Tilly schaute zwischen den Stäben ihres Käfigs hindurch in die Höhle des gemeinen Kerls, der sie geraubt hatte. Er kochte etwas in einem großen Kessel und hatte Teller und Becher auf den Tisch gestellt. Anscheinend wollte er gerade essen. Tilly staunte über den Löffel, der da neben dem Teller lag. Sie hätte sich bequem hineinsetzen können, so groß war er. Der Mann schien ganz in die Zubereitung seiner Speise vertieft zu sein, denn er sah nicht ein einziges Mal zu Tilly hinüber. Nun, einmal vielleicht, so aus den Augenwinkeln, aber das zählte nicht, fand Tilly.

Die Tage in der Höhle des Menschenmannes verliefen immer gleich. Tilly wurde von Gepolter geweckt, wenn der Mann aufstand und die Höhle verließ, und blieb dann den Tag über allein in der dunklen Höhle zurück. Abends kehrte der Menschenmann von seinen Unternehmungen heim. Ab und zu war er auch nachts unterwegs. Das war immer dann, wenn er einen ganz besonders großen Beutezug vorhatte. Mit seinen Räuberkumpanen lauerte er dann Reisenden auf, überfiel reiche und vornehme Leute in ihren Häusern oder raubte die Postkutsche aus.

Der Menschenmann wollte zunächst nicht viel von Tilly wissen und sah sie nur als ein besonders seltenes Beutestück an, das gut aufbewahrt werden musste. Als er jedoch bemerkte, dass die Elfe wirklich nichts von seiner scharf gewürzten Gemüsesuppe essen wollte und auch von ausgegrabenen Rüben nicht viel hielt, begann er, sich Sorgen zu machen und sprach Tilly an: „Sag, Kleine, was magst du essen?“ Tilly schaute erschrocken auf, als die raue Stimme erklang. Der Menschenmann bemerkte es und flüsterte: „Keine Angst, Mädchen. Ich bin Moritz Menschenmann und möchte nur wissen, was du isst.“ Tilly fasste Vertrauen und sagte: „Hallo Moritz Menschenmann! Du hast so eine laute Stimme, dass meine Elfenohren klingeln, wenn du sprichst. Ich heiße Tilly Blaurock und ich mag Tau, Honig und Milch. Deine Speisen sind zu scharf für mich.“

So zog Moritz Menschenmann los, um Honig und Milch für die Elfe zu besorgen. Das war nicht so einfach, denn er musste zum nächsten Hof wandern und um die Dinge bitten. Wie hätte er Milch stehlen sollen? Wo bewahrten die Bauersleute ihren Honig auf? Für solche Sachen hatte er sich bisher nie interessiert. Die Bäuerin, die ihm die Tür öffnete, erschrak bei seinem wilden Anblick. Er sah aus wie ein Räuber - und das war er ja auch. Schließlich schaffte er es, die Bäuerin zu überzeugen, dass er nur ein reisender Landknecht sei und Milch und Honig brauche. Er musste den Stall ausmisten und beim Füttern der Tiere helfen, anschließend bekam er Milch und Honig. Er fühlte sich sehr erschöpft von der schweren Arbeit, aber er war stolz und glücklich, Tilly die gewünschten Dinge bringen zu können. Dann fiel ihm ein, dass sie auch noch Tau wollte. Bis zum frühen Morgen blieb er auf, doch das bisschen Tau, das sich auf die Pflanzen legte, konnte er nicht aufsammeln. Er nahm ein großes Blatt und strich damit durchs Gras, bis es nass war, dann eilte er zurück in seine Höhle.

Tilly stürzte sich auf das Blatt, leckte den Tau daran ab und schlürfte dann von der Milch. Zuletzt naschte sie noch vom Honig. Dann war sie so satt, dass sie nur noch schlafen konnte und sie schlummerte friedlich und lang, bis zum späten Nachmittag.

Moritz Menschenmann saß lange vor dem Käfig und betrachtete das schlafende Menschenmädchen. Irgendwann schlief er selbst ein und erwachte kurz vor Tilly.

So vergingen Tage und Wochen und Tilly beobachtete Moritz Menschenmann während ihrer Gefangenschaft heimlich, aber mit wachsendem Interesse. Wie geschickt er mit seinen riesigen Händen Werkzeug benutzte, Essen zubereitete und Tillys Käfig sauber hielt! Ab und zu saß er nun auch vor dem Käfig und sah Tilly mit großen, braunen Augen an. Manchmal blickten sie nachdenklich und traurig. Dann war alle Gier des Räubers aus ihnen verschwunden und Tilly hatte das Gefühl in eine wunderschöne, reine und tapfere Seele zu blicken.

Sonst gab es nicht viel Abwechslung in der Höhle. Bald begann Tilly sich zu freuen, wenn sie seine Schritte hörte und hatte gar nicht mehr so große Angst vor ihm.

Im Laufe der Zeit interessierte sich Moritz Menschenmann immer mehr für das zauberhafte Elfenmädchen. Er konnte es kaum aushalten, sie länger anzusehen, so schön fand er sie. Wie zart sie war, wie wunderbar vollkommen! Er fragte sich, wie er es hatte wagen können, sie mit seiner Hand zu packen und gegen ihren Willen festzuhalten. Inzwischen kannten ihn auch die Bauern in der Umgebung gut, denn er arbeitete regelmäßig auf deren Höfen mit, um Milch und Honig zu bekommen. Es geschah eine Verwandlung mit dem Menschenmann. Er zog nachts nicht mehr auf Raubzüge, schnitt sein Zottelhaar ab, wusch und kämmte sich sorgfältig und besorgte sich neue Kleider. Seine wilden Kumpanen befremdete das und sie gingen ihm vorsichtshalber aus dem Weg. Tilly aber war sich nun ganz sicher: Sie hatte sich nicht getäuscht, als sie Anmut, Freundlichkeit und Tapferkeit in den Augen des Menschen zu sehen glaubte.

So sauber und gepflegt glich der Menschenmann einem Elfen. Er war allerdings etwa 25 mal so groß... Tilly ließ er immer öfter aus ihrem Käfig heraus und sie flog durch die Höhle, erkundete verborgene Winkel und Ecken und sorgte dafür, dass dem Menschenmann nie langweilig wurde. Sie gewannt Moritz Menschenmann richtig lieb und wollte gar nicht fliehen, denn es gefiel ihr, ihn zu umkreisen und in seine riesigen Ohren zu pusten.

Dennoch vermisste Tilly ihr freies Leben und manchmal saß sie schwermütig auf einem Schrank oder auf dem Lampenschirm, seufzte tief und war ganz in sich versunken. Sie träumte dann davon, wieder auf Blumenköpfen zu sitzen, in Astgabeln und auf Blättern zu schlafen und sich vom Wind davontragen zu lassen. Moritz Menschenmann wurde selbst traurig, wenn er Tilly so sah. Er wünschte dann manchmal, er wäre ebenso klein wie die Elfe und könnte mit ihr davonfliegen. Aber das wagte er nicht laut zu sagen.

Tilly hingegen sagte eines Abends: „Moritz Menschenmann, ich muss zurück. Ich muss meinen Berg wieder sehen, die Pflanzen und Tiere besuchen. Bitte bring mich zurück.“ Ihr trauriger Blick brachte Moritz Menschenmann tatsächlich dazu, sie in die Berge zu begleiten, auch wenn ihn die Vorstellung, ohne Tilly zu sein schmerzte. Schon am nächsten Morgen brachen sie auf. Tilly setzte sich auf die Schulter von Moritz und er trug sie durch Felder und über Wiesen, kletterte über umgefallene Baumstämme und durchquerte Dörfer mit ihr. Schließlich kamen sie in den Wald, wo Tilly vor so vielen Tagen gefangen worden war.

Dort in der Freiheit gelangte sie wieder in den vollen Besitz ihrer Zauberkräfte und sagte zu Moritz Menschenmann: „Weil du gut zu mir warst und weil ich dich gern habe wie ich nie jemanden oder etwas gemocht habe, will ich meinen Elfenzauber für dich einsetzen. Du hast einen Wunsch frei. Was immer du dir nun aufrichtig und von ganzem Herzen wünscht, wird in Erfüllung gehen.“

Moritz Menschenmann dachte, wie schön es wäre, einfach hier bleiben zu können, seine Zeit mit Tilly Blaurock zu verbringen und nie mehr an Räuberein und Beutezüge denken zu müssen. Ehe er sich versah, fühlte er ein Kribbeln im Körper. Er schrumpfte und am Rücken erschienen Flügel. Es war ein herrliches Gefühl, sie zu bewegen und den Luftzug daran zu spüren...