Die Mondjagd

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Es war einmal ein Wolf, der lebte tief in einem großen Wald in Rumänien. Dorthin verirrte sich nur selten ein Mensch. Der Wolf war von stattlicher Gestalt und hatte dichtes graues Fell. Nachts ging er auf die Jagd oder durchstreifte sein Revier, tagsüber schlief er in seiner Höhle. Manchmal erwischte er auf seinen nächtlichen Jagdzügen einen Hasen, manchmal ein Reh, manchmal musste er auch hungrig in seine Höhle zurückkehren. Der Wolf war das von jeher so gewohnt und machte sich weiter keine Gedanken darüber.

So verging Tag um Tag, Woche um Woche und Monat um Monat. Der Wolf lebte recht zufrieden in seinem Wald, und so wären wohl seine Tage mit Jagden und Erkundungsgängen vergangen, wären da nicht die Vollmondnächte gewesen. Dann nämlich wurde dem Wolf ganz seltsam zumute. Er konnte weder ans Fressen noch ans Jagen denken, sondern war wie gebannt vom weiß leuchtenden Mond. Er war gespannt bis in die Ohrenspitzen und strich unruhig durch den Wald. Das kleinste Geräusch ließ seine Barthaare vor Erregung zittern. Beim Anblick des Mondes erfüllte ihn ein Gefühl tiefer Sehnsucht und er lief zur höchsten Stelle des Waldes, um dem Mond möglichst nah zu sein. Doch das verschlimmerte den Zustand des Wolfs noch. Er wünschte sich nichts mehr, als dass der Mond ihn wahrnahm, ihn beachtete. Doch der Mond strahlte gleichgültig und rund sein bleiches Licht auf den Wald hinunter, ohne sich um den Wolf zu kümmern, der sehnsüchtig in den Himmel starrte.

Eines Nachts wurde es dem Wolf zu viel. Warum sollte ihn dieser unnahbare Mond Monat für Monat so aus dem Gleichgewicht werfen? Er wollte aufbrechen, um den Mond zu suchen und zu fressen. So hätte es ein für alle Mal ein Ende mit der Qual. Der Wolf verließ noch in dieser Vollmondnacht sein bekanntes Waldstück und begab sich auf die Suche nach dem Ort, an dem er den Mond treffen würde. Da der so rund und voll am Himmel stand, hielt es der Wolf für eine leichte Sache, ihn zu finden. Die ganze Nacht lief er, immer den Mond vor Augen.

Als die Sonne aufging, war der Wolf müde, erschöpft und vor allem enttäuscht, den Mond nicht erreicht zu haben. Er suchte sich einen Platz zum Schlafen und er schlummerte schnell ein. Trotz seiner Erschöpfung schlief er sehr unruhig und wachte immer wieder auf, weil er die Geborgenheit seiner Höhle vermisste. Als der Wolf erwachte, stand der Mond schon am Himmel, Seltsam: Er schien genauso weit entfernt wie in der Nacht zuvor, obwohl der Wolf doch die ganze Nacht getrabt war.

Der Wolf lief nun Nacht um Nacht. Der Mond war längst nicht mehr voll und rund, und der Wolf fühlte sich wieder ganz normal. Aber nun hatte ihn der Jagdtrieb gepackt. Der Mond musste gefangen werden. Eines Nachts war der Mond ganz verschwunden und der Wolf wusste nun nicht, was zu tun war. Aufgeben? In den Wald zurückkehren? Nein, jetzt musste er weitersuchen, durfte nicht aufgeben.

Gerade als der Wolf sich wieder ganz sicher und stark fühlte, hörte er ein Schmatzen und Schnauben im Gebüsch. Kurz darauf kam ein zerzauster Fuchs daraus hervor, der noch an einer Waldmaus kaute und recht unbekümmert auf den Wolf zuging. Der wich zunächst zurück vor dem roten Gesellen, der wenig Manieren zu haben schien, fand es aber unhöflich, sich einfach abzuwenden und sagte deshalb: „Guten Abend Herr Rotpelz.“ Der Fuchs schluckte den letzten Bissen seiner kargen Mahlzeit, grinste und fragte: „Oh, welch hoher Besuch. Was führt einen Wolf in diese Gegend?“ Der Wolf hatte noch nie gerne mit jemandem seine Gedanken geteilt, war aber von seiner Mondjagd so erfüllt, dass er dem Fuchs sein Vorhaben, den Mond zu fangen und aufzufressen verriet. Der Fuchs jedoch wusste diese Vertraulichkeit nicht zu würdigen, sondern brach in spöttisches Lachen aus und prustete: „Ein Wolf, der allein im Wald lebt... und sich auch noch in den Kopf gesetzt hat, den Mond aufzufressen! So etwas Komisches habe ich noch nie gehört.“ Gekränkt wandte sich der Wolf ab. Der Fuchs rief ihm hinterher: „Den Mond kann keiner fangen, er ist unendlich weit von uns entfernt!“

Der Wolf musste sich nun eingestehen, dass der Fuchs Recht hatte. Zu lange war er hinter dem Mond hergejagt, ohne ihm auch nur ein wenig näher zu kommen. Mit dieser Erkenntnis im Herzen brach tiefe Verzweiflung über den Wolf herein. Er konnte kein neues Ziel ins Auge fassen und trabte ohne Willen weiter.

Nach einigen Nächten kam er in ein wunderschönes Waldgebiet mit uralten Bäumen. In einer mächtigen alten Eiche sah er eine große, würdevolle Eule sitzen. Sie hatte ihn schon länger erblickt und sprach ihn an, als er näher kam. „Guten Abend, werter Herr Wolf. Du wirkst niedergeschlagen.“ Der Wolf dachte an den spöttischen Fuchs und zuckte nur seine schmal gewordenen Schultern. Die Eule jedoch verstand es, das Vertrauen des Wolfes zu erlangen und er fragte die alte Weise um Rat. „Ich hatte ein großes Ziel, ich wollte dem Mond nahe sein. Aber er nahm mich gar nicht wahr. Da beschloss ich, ihn zu fressen. Doch ich war töricht. Niemand kann den Mond erreichen.“ Die Eule begriff das Schicksal des Wolfes und sagte nach langem nachdenklichen Schweigen: „Der Mond kann gar nichts dafür, wenn du dich seltsam fühlst. Das liegt nur daran, dass du alleine bist. Wer alleine ist, ist manchmal auch einsam. Dann ist er ganz und gar erfüllt von einem Sehnen nach einem, mit dem er seine Gedanken, Träume, Ängste, Sorgen und die ganz großen Gefühle teilen kann. Wenn ein Wolf dann etwas derartig vollkommenes wie den runden, weißen Vollmond sieht, schreit seine Seele vor Verlangen innerlich so sehr, dass der Wolf laut heulen muss. Der Wolf fühlte, dass die Worte der Eule wahr waren. Er wurde noch trauriger und wandte sich zum Gehen.

Lange war der Wolf nun schon gewandert. Seit einigen Tagen fand er immer öfter Spuren eines Rudels fremder Wölfe. Obwohl er nun schon sehr nahe an ihr Revier herangekommen war, konnte er sich nicht entschließen, sich ihnen zu nähern. Weil das Waldstück aber gute Jagderfolge brachte, blieb er - in sicherem Abstand zu dem Wolfsrudel - dort. Er suchte sich ein sicheres Versteck zum Schlafen und kam so, mit gutem Fressen und Ruhe bald wieder ganz zu Kräften. Der Mond, der inzwischen wieder voll und strahlend am Himmel stand, hatte seine Wirkung jedoch nicht verloren. Gebannt, aufgewühlt und aufs Äußerste aufmerksam lief der Wolf durch den Wald. Seine Bahnen zogen sich in diesen Nächten immer weit und so geschah es, dass er eines Nachts einem Wolf aus dem Rudel begegnete. Genauer gesagt einer schwarzen Wölfin. Plötzlich wurde dem Wolf sonderbarer zumute als in seinen schlimmsten Vollmondnächten, als er dieses Wesen sah und roch. Auch sie hatte ihn gewittert, kam nahe an ihn heran und sah ihm schließlich direkt in die Augen, ohne ihn jedoch zu bedrohen. Nach einem kurzen Augenblick von Nähe drehte sie sich um und verschwand im Dunkeln.

Von nun an packte den Wolf wieder die alte Unruhe. Er strich durch sein Revier, an dessen Grenzen er wieder und wieder die Fährte der Wölfin fand und überschritt auf seinen Streifzügen immer öfter die Reviergrenzen des Wolfsrudels. Einige Male sah er die schwarze Wölfin sogar aus der Ferne, aber sie kam nie mehr so nahe wie bei ihrer ersten Begegnung. Er sehnte sich nach ihrem wunderbarem Geruch, dem schwarzen seidigen Fell und er wollte ihre Stimme hören.

Schließlich hielt der Wolf es nicht mehr aus und beschloss, sie zu suchen, wie er einst den Mond gesucht hatte. Nach einiger Zeit traf er die schwarze Wölfin tatsächlich an der Quelle und sprach sie an. Sie hatte gerade getrunken und sah nun etwas überrascht zu ihm auf. „Guten Abend, schwarze Wölfin.“, sagte er schüchtern. „Hallo“, antwortete sie und blickte ihn wieder so an, wie sie es bei ihrer ersten Begegnung getan hatte. Er hielt ihren Blick, fühlte eine nie gekannte Energie durch seinen Körper fahren und sprang mit einem kühnen Satz in die Luft. Die Wölfin trabte ein paar Schritte davon, wartete auf ihn und lief dann weiter. So führte sie ihn zu einer Stelle im Wald, an der er noch nie gewesen war. Der Wolf erzählte der Wölfin in dieser Nacht seine ganze Geschichte: Wie er seine Eltern und sein Rudel als Welpe verloren und wie er sich gegenüber allen anderen verschlossen hatte, wie er in seinem Waldstück zufrieden gelebt und warum er es verlassen hatte. Er erzählte von seiner Angst, von seiner Sehnsucht und von der Mondjagd. Die Wölfin sah ihn aus klugen hellbraunen Augen an und schwieg. Sie leckte ihm über den Kopf und legte sich dicht zu ihm.

Die beiden Wölfe trafen sich von nun an Nacht für Nacht. Sie gingen zusammen auf Jagd und durchstreiften das Revier des Wolfes. Sie führten lange Gespräche, tollten und jagten sich und spielten miteinander wie die Welpen. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass der Wolf seine Seele einem anderen in dieser Weise öffnete. Er fand es wunderschön, wenn die Wölfin ihm das Fell leckte und am allerbesten gefiel es ihm, wenn sie ihm die uralten Wolfslieder vorsang, die jeder Wolf lernt, der in einem Rudel aufwächst.

Eines Nachts jedoch stießen sie auf eine Gruppe von Wölfen aus dem Rudel der Wölfin. Auch der Anführer des Rudels war darunter. Die anderen Wölfe knurrten gefährlich. Der Wolf stellte sich vor die Wölfin und sträubte sein Fell. Ihm war nur noch eines wichtig: mit seiner Wölfin zusammen zu sein. Er knurrte zurück und fand sich unmittelbar in einem wilden Kampf wieder. Noch nie hatte er gegen andere Wölfe gekämpft und er war erstaunt über seine eigenen Kräfte. Es gelang ihm, in der Auseinandersetzung die Oberhand zu behalten, ließ dem Anführer des Rudels aber die Möglichkeit, den Kampf an einer Stelle zu beenden, an der er seine Ehre nicht verlor. Dem Wolf ging es nicht darum, die anderen Wölfe zu besiegen, um Macht zu erlangen. Er wollte nur seinen Platz neben der schwarzen Wölfin haben. Nach dieser Nacht war der Wolf im Revier des Rudels geduldet, bei manchen Wölfen sogar geachtet. Nur der Anführer ignorierte ihn beständig. Dem Wolf war das egal. Er war glücklich. Nun konnten er und seine schwarze Wölfin wirklich ein Paar sein.

In einer besonders hellen Vollmondnacht kurze Zeit später heulten der Wolf und die Wölfin aus lauter Liebe zueinander den bleichen Mond an. Da hatte der Wolf kurz den Eindruck, der Mond hätte gelächelt.